Mit einer Silbermedaille bei der Europäischen Physikolympiade (EuPhO) in Göteborg (Schweden) hat unser Schüler Vladislav Maiorov aus der künftigen Jahrgangsstufe 12 einen beeindruckenden internationalen Erfolg erzielt. Als Mitglied des deutschen Nationalteams trat er gegen die besten Nachwuchsphysiker*innen Europas an und bewies einmal mehr sein außergewöhnliches Können.
Über diesen Erfolg berichtete bereits die OTZ. Wer jedoch erfahren möchte, wie sich eine Internationale Physikolympiade aus der Sicht eines Teilnehmers anfühlt, erhält in Vladislavs persönlichem Bericht spannende Einblicke hinter die Kulissen. Er schildert nicht nur die anspruchsvollen theoretischen und experimentellen Klausuren, sondern auch die vielen Begegnungen, Erlebnisse und besonderen Momente, die eine solche Wettbewerbswoche prägen.
📸📝 Im Folgenden berichtet Vladislav selbst von seiner Teilnahme an der Europäischen Physikolympiade.
Schon vor Beginn der Olympiade konnte das deutsche Team die ersten schönen Erlebnisse sammeln: Die Reise nach Schweden erfolgte mit der Fähre. Die riesige „Stena Germanica“ ist am Tag vor der Eröffnung aus Kiel abgefahren, sodass wir den ganzen Abend sowie den Morgen des nächsten Tages die ruhige Atmosphäre eines Reiseschiffes genießen konnten.

Sobald wir im Hotel angekommen waren, wurden wir von den Nachbarmannschaften aus Österreich und Luxemburg begrüßt. Mit Abstand am freundlichsten war aber das Team der Schweiz, das uns ungefähr ein Kilo Schokolade schenkte. Direkt danach wurde jedoch angekündigt, dass man nur eine Wasserflasche und einen Taschenrechner in den Klausurraum mitnehmen dürfe, also war diese Spende dann doch nicht so nützlich.
Danach erwartete uns die feierliche Eröffnung der Olympiade. Zuerst haben wir in einem kurzen Video die schwedische Kultur, die Stadt Göteborg und vor allem Sven, den langjährigen Mentor des schwedischen Teams, kennengelernt.

Nach einer kurzen musikalischen Pause wurden nacheinander alle 41 Mannschaften vorgestellt. Dabei wurden in einer Präsentation unterschiedliche Ereignisse aus der Geschichte Schwedens vorgestellt, die jeweils einen Bezug zu einem der Länder hatten; sobald eine Mannschaft erkannt hatte, dass es sich um ihr Land handelte, musste sie aufstehen, und die Schüler dieser Mannschaft wurden nacheinander vorgestellt. Als Letzter sprach ein Mann, der für viele Teilnehmende fast eine Gottheit ist — anders kann ich mir nicht erklären, warum ich bei seinem Auftritt den lautesten Applaus in meinem Leben gehört habe. Falls ihr euch auch für Physikwettbewerbe interessiert, werdet ihr euch wahrscheinlich denken können, dass es Jaan Kalda, der Präsident der EuPhO und der Autor der weltberühmten IPhO Study Guides, gewesen ist.
Nach der Eröffnung ging es in die Mensa der Chalmers University, in der wir uns auf ein leckeres Abendessen freuen konnten. Oder vielleicht auch nicht, denn eine nähere Untersuchung zeigte, dass sowohl das gebratene Hähnchen als auch das mediterrane Gemüse eiskalt waren.
Vor dem Einschlafen habe ich mich sehr gefreut, weil die EuPhO einer der ersten Wettbewerbe war, bei denen man doch etwas länger schlafen konnte, da die Klausur erst um 9 Uhr anfangen sollte. Leider waren die Guides meiner Zimmernachbarn anderer Meinung, sodass ich schon um halb sieben von ihnen geweckt wurde. Nach dem Frühstück kam endlich das erste Drittel des Wettkampfs, und zwar eine fünfstündige experimentelle Klausur. Vor Beginn wurde wieder ein kurzes Video abgespielt, das uns zeigte, wie man die Geräte richtig aus der Verpackung nimmt, damit sie nicht kaputtgehen. (Laut den Organisatoren würde es Sven nämlich sehr traurig machen, wenn die Geräte kaputtgingen, was wir offensichtlich nicht zulassen durften!) Danach konnten wir mit dem Messen beginnen. In der Klausur ging es um einen akustischen Levitator, ein Gerät, in dem durch
Interferenz von Ultraschallwellen Punkte entstehen, an denen der Schalldruck so stark ist, dass Objekte mit kleiner Masse dort schweben können. Dabei sollte man zuerst selbst ein Messgerät konstruieren und damit das Interferenzmuster im Levitator untersuchen. Im nächsten Teil beschäftigte man sich mit den Gleichgewichtspunkten von Festkörpern, die aufgrund der Wirkung der Gravitation leicht von den Interferenzminima abweichen. Zuletzt sollte man das Verhalten von Flüssigkeiten in dem Levitator untersuchen: Theoretisch werden Flüssigkeitstropfen in Schwerelosigkeit kugelförmig, in dem Gerät verformen sie sich aber wegen des Schalldrucks, bis dieser zu groß wird und die Tropfen explodieren.

Nach der Klausur ging es direkt weiter mit dem nächsten Programmpunkt, einer Bootstour rund um Göteborg. Als wir im Hafen waren, haben wir als Allererstes ein riesiges Segelschiff bemerkt. Offensichtlich war der erste Gedanke, dass die Fahrt mit diesem Schiff erfolgen würde, weshalb wir sofort in dessen Richtung losgerannt sind. Dadurch kamen wir leider zu spät zu dem ziemlich kleinen Boot, mit dem wir eigentlich fahren sollten. Anschließend konnten wir beobachten, wie die letzten Sitzplätze von der ungarischen Mannschaft eingenommen wurden, also mussten wir die ganze Fahrt lang stehen.
Das Ziel der Fahrt war es, nicht nur die schönen Landschaften rund um Göteborg zu sehen, sondern auch die Insel Brännö zu besuchen. Nachdem wir angekommen waren, wurde uns empfohlen, baden zu gehen. Diesen Vorschlag haben wir aufgrund des etwas zu kalten Wetters höflich abgelehnt. Stattdessen begannen wir, den Wald in der Mitte der Insel zu erkunden. Auch wenn wir ab und zu falsch abgebogen sind, gelang es uns, pünktlich zurück zum Boot zu kommen, sodass wir das Abendbrot im Sitzen essen konnten.

Am nächsten Tag lief es etwas besser mit dem längeren Schlaf, was sich auf jeden Fall gelohnt hatte: Für die nächste, theoretische Klausur musste man perfekt konzentriert sein. Als ich den Umschlag mit den Aufgaben geöffnet habe, dachte ich zuerst, dass ich beim falschen Wettbewerb sei und doch aus Versehen zur internationalen Olympiade gefahren wäre, da die Aufgaben viel schwieriger waren als alle aus den Jahren davor. In der Theorieklausur beschäftigte man sich mit der Flugweite eines mechanischen Spielzeugs, dem Entmagnetisieren einer Spule bei hohen Spannungen und der maximalen Strecke, die ein Hockeypuck aus Trockeneis zurücklegen kann. Nach der Klausur war aber klar, dass auch die erfahrenen Olympionik die Aufgaben nicht so leicht fanden, also blieb die Hoffnung auf eine Medaille trotzdem am Leben.
Nach der Klausur ging es zuerst in den Vergnügungspark Liseberg, und abends sollte es erneut in die Universität zur Lösungsvorstellung gehen. Wir als Team haben jedoch die Entscheidung getroffen, dass es für uns etwas mehr wert war, noch ein paar Mal Achterbahn zu fahren und danach ein ordentliches Abendessen zu haben, da wir die Musterlösungen sowieso bald online bekommen würden.
Am nächsten Tag stand der vielleicht interessanteste Moment des Wettbewerbs an: die Moderation. Dabei ging man zu den Korrektoren der jeweiligen Aufgabe und versuchte, ihnen in einem zehnminütigen Gespräch zu zeigen, dass die Lösung vielleicht ein paar Punkte mehr wert war. Zuerst sollte man sich aber genau überlegen, an welchen Stellen noch Punkte fehlten, das heißt, gleichzeitig auf die eigene Lösung, die Musterlösung, den Bewertungsbogen und die eigene Punktzahl schauen und am besten zeitgleich alle Fragen zur Bewertung aufschreiben.

Die Korrektoren betrachteten mein Vorgehen „Ich schreibe alle Formeln auf, die man vielleicht bei der Aufgabe benötigen kann, weil ich nicht weiß, was hier los ist“ bei der Aufgabe mit dem Puck ziemlich skeptisch, sodass ich dort keine weiteren Punkte bekommen konnte. Im Gegensatz dazu habe ich aufgrund uneindeutiger Formulierungen in den Aufgaben oder im Bewertungsbogen einige Zehntel eines Punktes beim Experiment und bei der Magnetismus-Aufgabe bekommen. Nun kam das Mittagessen, ich konnte jedoch kaum an Essen denken: Mit meiner Punktzahl war ich noch nicht zufrieden, aber eigentlich hatte ich überall etwas hinterfragt — bis auf Aufgabe 1 in der Theorie, die ich völlig falsch verstanden hatte und bei der die Korrektoren schon großzügig gewesen waren. Und danach fiel mein Blick auf eine Teilaufgabe im Experiment, die ich komplett übersehen hatte. Doch das Anmeldesystem für die Moderation ließ keinen doppelten Einspruch zur gleichen Aufgabe zu … Ich musste aber unbedingt noch einmal über dieses Teilproblem sprechen! Ich rannte zurück in die Universität, um einen der Organisatoren zu fragen, ob sie das vielleicht ausnahmsweise zulassen könnten. Und als ich schon die Tür von Jaan Kalda höchstpersönlich öffnen wollte, kam meine Rettung. Scheinbar standen die Sterne an diesem Tag günstig. Genau die gleiche Korrektorin, mit der ich mein Experiment schon besprochen hatte, lief vorbei. Gefühlt innerhalb einer Sekunde hörte ich: „Das System erlaubt nur nicht, dass man die gleiche Aufgabe bei unterschiedlichen Korrektoren moderiert“, dann: „Ich habe sowieso frei, wir können dein Experiment gern noch einmal besprechen“, und schließlich: „Ja, das ergibt in der Tat zwei Punkte mehr.“


Nun war der eigentliche Wettbewerb vorbei; ab diesem Punkt konnte man nur noch hoffen, dass die erreichte Punktzahl für eine Medaille ausreichen würde. Um den stressigen Abend vor der Siegerehrung ausklingen zu lassen, wurden alle Teilnehmenden in ein Restaurant eingeladen, in dem wir ein wundervolles dreigängiges Abendessen mit lokalen Produkten probieren durften. Im Anschluss fand eine vom schwedischen Mittsommerfest inspirierte Feier mit Live-Musik statt.
Am letzten Tag mussten wir direkt nach dem Frühstück das Hotel verlassen. Danach ging es für uns in die Aula von Chalmers, wo der Höhepunkt des Wettkampfs, die Preisverleihung, stattfand. Doch davor stand noch ein wichtiger und genauso interessanter Programmpunkt an. Die Nobelpreisträgerin des Jahres 2023, Anne L’Huillier, hielt einen Vortrag über die Erzeugung und Anwendung von Attosekunden-Laserpulsen. Das Vortragsthema war so spannend, dass alle trotz der unglaublich hohen Anspannung aufmerksam zuhörten. Direkt danach wurden die Anerkennungen, Medaillen und Sonderpreise vergeben.


Insgesamt konnte sich jedes Mitglied des deutschen Teams über einen Preis freuen: darunter meine Silbermedaille, eine Goldmedaille und dreimal Bronze.

📝 Vladislav Maiorov
📸 EuPhO, M.C., Vladislav Maiorov